FDP lud gestern zur Diskussionsrunde "Förderschulen - Pro & Contra" ein. Zahlreiche Elternvertreter, Lehrer und Schulleiter nahmen die Einladung der FDP zur Diskussionsveranstaltung über die Förderschulen an. Auch die Verwaltung war in Person des Sozialdezernenten Frank Schenker zu Gast. Dr. Thomas Nitzsche, Vorsitzender des Ausschusses Schulnetzplan moderierte die Veranstaltung im Hotel Schwarzer Bär.
"Jena hat ein sehr facettenreiches Schulspektrum im Vergleich mit dem Rest Thüringens. Mit dieser breiten Bildungslandschaft, wo Eltern ohne lange Wege den für ihr Kind besten pädagogischen Schultyp aussuchen können, hat Jena ein Alleinstellungsmerkmal und eine echte Vorbildfunktion", meinte zu Beginn der Veranstaltung Franka Hitzing, Diskussionsgast und Schirmherrin der Veranstaltung. Die Vizepräsidentin des Thüringer Landtags und Bildungspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion hatte bereits zwei ähnliche Diskussionsrunden in Nordhausen und Weimar durchgeführt und war daher sehr gespannt auf die Jenaer Sicht zu dieser Thematik. Durch die Vertretung der verschiedensten Jenaer Schulformen war eine angeregte und ausgewogene Diskussion auch garantiert.
Dabei wurde deutlich, dass eine integrative Beschulung die soziale Kompetenz der Mitschüler herausbilden und stärken kann. Im liebevollen Umgang der Schüler miteinander entstehe ein Klima, in dem sich Kinder mit Handycaps wohlfühlen könnten. So würden die integrativen Schüler im Kollektiv mit ihren Klassenkameraden wachsen. Die notwendige Individualisierung findet dabei im Unterricht selbst statt. Wenn man Integration wirklich wolle, dann müssten aber auch die personellen und materiellen Grundlagen an den Schulen gegeben sein und der zeitliche Mehraufwand berücksichtigt werden. Dies ist in Thüringen nicht gegeben, beklagten die Vertreter der integrativen Schulen. Zwar würden in Thüringen genug Sozialpädagogen ausgebildet, nur stelle sie der Freistaat nicht ein, sodass sie gezwungen seien, in andere Bundesländer abzuwandern.
Für eine Beschulung in Förderzentren spricht wiederum, dass behinderte Kinder geschützte Rückzugsräume benötigen. Der Umgang mit nicht behinderten Kindern kann für sie mitunter belastend werden, weshalb sie oft auch die Gesellschaft ebenfalls betroffener Kinder suchen. Auch wurde angeführt, dass Integration ab einem bestimmten Behinderungsgrad, wenn es vordergründig um das Erlernen des alltäglichen Lebens geht und nicht um das Vermitteln von Lernstoff, von integrativen Schulen nicht mehr zu leisten sei. Auch könne keine reguläre Schule das umfangreiche Betreuungs- und Betätigungsspektrum anbieten, das zum Beispiel eine Kastanienschule hat. Daher seien Förderschulen hochgradig integrativ und für die betroffenen Kinder fast so etwas wie ein Tor zur Gesellschaft.
Doch schließen sich Pro und Contra in dieser gesellschaftlichen Diskussion keinesfalls aus, ganz im Gegenteil. Zwei entscheidende Punkte waren an diesem Abend von allen Beteiligten zu hören: Zum einen, dass eine "von oben" aufgesetzte und/oder überstürzte Integration mehr zerstöre als sie leisten könne, zum anderen ein zwar klares, aber qualifiziertes Ja zur Integration - nämlich nicht um jeden Preis und nur bis zu ihrer natürlichen Leistungsgrenze. So meinte auch Dezernent Schenker, dass er in Jena keine politische Mehrheit sehe, die eine Abschaffung der Förderschulen einfordert. So werde es in den nächsten Jahren auch keine mechanistischen Eingriffe in die Förderschulen geben.
" Es hat sich gezeigt, dass es bei diesem sensiblen Thema keine Schwarz- oder Weißmalerei geben darf. Die Förderschulen leisten hervorragende und nicht minder erfolgreiche Arbeit als integrative Schulformen. Sie müssen daher in der Thüringer Schullandschaft erhalten bleiben, für jene Fälle mit starkem Behinderungsbild, die integrative Schulen nicht stemmen können", fasste Franka Hitzing das Ergebnis der Veranstaltung zusammen. Und: "Den Eltern muss eine echte Wahl zwischen beiden Beschulungsformen für ihre Kinder bleiben. Dies deckt sich auch mit der in der gesellschaftlichen Diskussion oft zitierten UN-Konvention, die ein Mehr an Möglichkeiten für die Eltern schaffen will, die aber falsch interpretiert wäre, wenn den Eltern durch eine Abschaffung der Förderschulen diese Entscheidungsfreiheit gerade entzogen würde", so Hitzing weiter. Vielmehr sollten künftig verstärkt Kooperationslösungen zwischen den Schultypen angestrebt werden, damit die Kinder ihren Rückzugsraum behalten und dennoch das Zusammenleben mit nicht behinderten Kindern erlernen können. Auch in dieser Hinsicht sind die Jenaer Schulen auf einem guten Weg.